Bericht

Mit „Humanity First“ in Afrika - ein Erfahrungsbericht

Verfasst am 25. Jun

Dsc05722

Seine Mutter gab ihm den Namen Parfait- im Französischen heißt das „perfekt“ oder „vollkommen“. Ich mustere den jungen Mann in der Ferne, der hier in dieser Umgebung aus der Menschenmasse völlig hervorsticht. Parfait hat eine weiße Hautfarbe. Inmitten von Afrikanern. Er hat Albinismus, also einen Pigmentmangel. Er fällt sofort auf in der Menge. Der Name ist passend, denke ich. Es ist November, wir befinden uns in einem kleinen Krankenhaus in Benin in Westafrika. Der Himmel ist bedeckt, dennoch drückt die Sonne schwer, so dass man sich nach einem kleinen Stück Schatten sehnt. Draußen verläuft einer der Hauptverkehrstraßen von Cotonou, dem Hauptort und Regierungssitz von Benin. An den tosenden Lärm der zahlreichen Motorroller, Hupgeräusche und den Staub, den sie auf der teils unasphaltiertem roten Erde aufwirbeln, haben wir uns fast bei unserem morgendlichen Fußweg vom Hotel zum Krankenhaus gewöhnt. Wir gehen vorbei an wartenden Menschen im Krankenhaushof. Neugierige Blicke werden von beiden Seiten ausgetauscht. Wir werden herzlich gegrüßt auf Französisch, der Amtssprache. Die Beninois tragen geschneiderte, bunte Stoffmuster, ganz typisch. Ein farbenfrohes Bild. Kinder tollen herum. Viele Patienten werden von ihren Familien begleitet. Von meinem Einsatz vor zwei Jahren weiß ich, dass viele dieser wartenden Patienten tagelang unterwegs waren um sich hier vorzustellen. Sie kommen von weiten Teilen des Landes. Wir sind mit einer Delegation von Allgemeinchirurgen und einer OP- Schwester angereist, organisiert von der Hilfsorganisation Humanity First. Der Einsatz wird seit Jahren geleitet von Dr. Jürgen Hain, Chefarzt der Allgemeinchirurgie in Darmstadt-Dieburg. Wochen zuvor wurde unser Einsatz über Radio, Zeitung und Fernsehen publik gemacht. Die Operationen werden von Humanity First bezahlt und sind demenstprechend gratis für die Patienten. Die nächsten zwei Wochen werden wir in zwei Krankenhäusern operieren, hier in Cotonou und in einem kleineren Krankenhaus in Parakou- etwa 10 Autostunden nördlich von hier.

Wir sitzen im Büro des Klinikleiters, der aus Pakistan stammt und Ahmadi Muslim ist. Der Deckenventilator versucht die Hitze im Raum zu vertreiben. Vor uns liegen mehrere Listen, Tabellen….Patientennamen, Geburtsdatum, Diagnose, …. Seit unserem letzten Einsatz ist die Organisation vorab deutlich strukturierter geworden. Viel zu viele Namen für die verfügbare Zeit, denke ich. Wir müssen selektieren. Draußen vor der Tür warten die ersten, sie sind nüchtern. Das Spektrum sieht vor allem Leistenbrüche vor. Die Brüche hier nehmen auf Grund der fehlenden operativen Versorgungsmöglichkeiten mit den Jahren groteske Maße an. Ein Bruch, so groß wie eine Wassermelone, ist nicht unüblich. Fettgewebsgeschwülste, Ganglien, Brusttumoren. Mittlerweile steht in diesem Krankenhaus sogar ein zweiter kleiner Operationsraum zur Verfügung, so dass wir unsere Kapazitäten viel besser nutzen können. Der Klinikchef übersetzt das Patientengespräch aus dem Französischen ins Englische und wir selektieren nach Dringlichkeit, so dass ein Operationsplan entsteht. Parfait hat es ins Tagesprogramm geschafft, er grinst zufrieden. Seine Leistenbrüche auf beiden Seiten werden wir mit teilauflösenden Netzen reparieren, die wir aus Deutschland mitgebracht haben. Die restlichen Wartenden müssen auf die Triage am Abend warten und hoffen, dass sie morgen operiert werden können.

Beide Operationssäle sind bereit. Der Anästhesist, ein Beninois, ist für die fünf Operationstage hier vor Ort gebucht. Die Spinalanästhesie sitzt und wir waschen uns ein. Ein schneller Blick auf das Patientenscreening, „HIV et Hepatitis C négatif“ gestempelt. Beruhigend. Die Operationsliege sieht martialisch aus, an Lagerungsgels denkt hier niemand. Schnitt. Um uns herum koordiniert unsere OP Schwester die angestellte OP Pflege. In Akkordarbeit operieren wir die Patienten. Je mehr Patienten, desto besser. Die elektrische Koagulation und die Klimaanlage scheint das Stromnetz zu überlasten. Stromausfall. Man wird kreativ. Handydisplaylicht kompensiert zeitweise das fehlende Raum- und OP Licht oder eben sogar Stirnlampen, wenn’s mal länger dauert. Klimaanlage muss ausbleiben. Eine kleine Fliege hat sich in den OP Saal verirrt und will offenbar mitoperieren. Die Hitze setzt mir zu. Die re-steriliserbaren OP Kittel bestehen aus dickem Stoff, ich fühle mich wie in einem Treibhaus. Draußen dämmert es mittlerweile. Zwölf komplikationslose Operationsstunden später haben wir alle geplanten Patienten geschafft. Die anderen Kollegen haben zwischenzeitlich bereits Patienten für morgen selektiert. Morgen 8:00Uhr Schnitt, vereinbaren wir mit dem Anästhesisten- da ahnen wir noch nicht, dass es mit der Pünktlichkeit nicht so genau genommen wird. Die Erschöpfung steht allen im Gesicht geschrieben. Oben bereitet die aus Benin stammende Ehefrau des Klinikleiters das Abendessen vor, ein traditionelles Gericht: „Yam Yam“, aus einer Wurzelknolle hergestelltes Püree. Schmeckt interessant.

Nach dem Abendessen visitieren wir die operierten Patienten. Ein überfüllter, stickiger Raum. Es stehen nicht genug Betten zur Verfügung. Teilweise schlafen die Patienten auf fleckigen, ausgelegenen Matratzen auf dem Boden. Alle operierten Patienten erhalten ein Antibiotikum über eine Woche. Die Angehörigen der Patienten schlafen ebenfalls hier. Patientenessen gibt es hier keins, die Familie bereitet auf dem Krankenhaushof über einem Kocher etwas zu.
Parfait macht einen zufriedenen Eindruck. „Douleur?“, frage ich. „Ça marche, ça marche“ sagt er. Nein….Schmerzen habe er keine, das ginge schon. Wir blicken in glückliche und dankbare Gesichter, sie haben es geschafft. Zufrieden und genügsam, trotz der Komfortlosigkeit ihrer Unterbringung. Die lange Anreise und Wartezeit hat sich für diese Menschen gelohnt. Der Blick in diese Gesichter treibt uns die Müdigkeit aus den Knochen.

Wir laufen zurück ins nahegelegene Hotel. Die Motorroller und Autos sind immer noch in Massen unterwegs und lassen die Nacht zum Tag werden. So viele Scheinwerfer. Nachts muss man noch aufmerksamer die Hauptstraße queren. Mittlerweile hat diese Kreuzung sogar eine Ampel, die tatsächlich respektiert wird.
Bevor ich müde ins Bett unter das stickige Moskitonetz krieche, stelle ich mir den Wecker. Viele Eindrücke. Ein intensiver, aber guter Tag. Morgen früh geht es wieder von vorne los. Ça marche.

Dr. med. Donya Heinrich ist Assistenzärztin am Ev. Stift St. Martin und steht kurz vor der Facharztprüfung für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Drei Jahre ihrer Weiterbildungszeit hat sie in der Allgemein- und Unfallchirurgie in Wiesbaden absolviert. Neben medizinischen Hilfsprojekten in Indien und Guatemala, war sie 2013 und 2015 mit Humanity First unter der Leitung von Dr. Jürgen Hain, Chefarzt der Allgemeinchirurgie in Darmstadt-Dieburg in Benin. 

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Dr. med. Donya Heinrich

Assistenzärztin

Dr. med. Donya Heinrich
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